B 75: Wilhelmsburger Reichsstraße - B 75: Wilhelmsburger Reichsstraße (2024)

Vorgeschichte

Die Wilhelmsburger Reichsstraße ist eine der meistbefahrenen Bundesstraßen in und um Hamburg. Rund 55.000 Fahrzeuge fahren täglich auf der Strecke, zehn Prozent davon sind Lkw. Der bisherige Abschnitt von der Anschlussstelle (AS) HH-Wilhelmsburg-Süd bis zur AS HH-Georgswerder brauchte für dieses hohe Verkehrsaufkommen bessere Sicherheitsstandards. Die Unfallzahlen waren seit dem Jahr 2000 gestiegen. Die Fahrstreifen waren zu schmal und es fehlte ein Standstreifen. Blieben Fahrzeuge liegen, führte dies oft zu Staus.

Bereits 2002 wurde auf der Zukunftskonferenz Wilhelmsburg die Verlagerung der Wilhelmsburger Reichsstraße an die Bahntrasse gefordert. Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) und den Planungen für die „Neue Mitte Wilhelmsburg“ sowie der „Internationalen Gartenschau Hamburg“ (igs) wurde in den folgenden Jahren immer deutlicher, welche stadtentwicklungspolitischen Chancen sich durch eine Verlegung der Straße eröffnen.

Deshalb beauftragte 2008 die damals zuständige Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) die DEGES damit, zu untersuchen, wie sich das Fernstraßennetz in Wilhelmsburg künftig besser mit den Belangen des Schienenverkehrs und des Stadtteils verzahnen lässt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße auf die Westseite des Bahnkorridors erforderlich sei, da „Verkehrssicherheit, Umweltverträglichkeit sowie städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten nachhaltig verbessert werden“. Die Machbarkeitsstudie wurde 2009 in Wilhelmsburg öffentlich vorgestellt und leitete das mehrjährige Planungs- und Beteiligungsverfahren ein.

Ziele und Nutzen

Die Wilhelmsburger Reichsstraße wurde auf einer Länge von rund 4,6 Kilometern auf der Westseite der heutigen Bahntrasse neu gebaut. Die neue B 75 und die Bahngleise erhielten auf rund 15 Kilometern Lärmschutzanlagen nach heutigem Standard – überwiegend mit einer Höhe von vier und mehr Metern. Das Bauprojekt eröffnet eine Reihe von Vorteilen für den Stadtteil und die Stadt Hamburg:

  • Die Lärmbelastung in Wilhelmsburg wird über die betroffene Region hinaus deutlich verringert.
  • Zwei große Verkehrswege, die den Stadtteil durchschneiden, werden auf einer Trasse gebündelt.
  • Im Umfeld der alten Trasse könnten im Süden das igs-Parkgelände zusammenwachsen und der nördliche Bereich für Stadtentwicklungsmaßnahmen genutzt werden.
  • Anstehende aufwendige Brücken- und Sanierungsarbeiten entlang der bisherigen Reichsstraße werden vermieden.
  • Die vierstreifige, breite Straße erhält einen Mittel- und Standstreifen nach neuestem Sicherheitsstandard.

Stadtentwicklung

Die Bündelung der Verkehrstrassen in Wilhelmsburg reduziert die Belastung durch Straßen- und Schienenlärm und schafft zugleich freie Flächen im Herzen des Stadtteils. Dadurch eröffnen sich neue Perspektiven für die Stadtentwicklung auf der Elbinsel.

Die Flächen rund um die heutige Trasse der Wilhelmsburger Reichsstraße eignen sich für umfassenden Wohnungsneubau. In den nächsten Jahren sind rund 5.000 neue Wohnungen in zentraler Lage in Wilhelmsburg geplant. Dadurch wachsen die bislang getrennten Wohnquartiere des Stadtteils zusammen.

Der Inselpark Wilhelmsburg und das ehemalige Gelände der internationalen Gartenschau werden nicht länger durch eine Bundesstraße zerschnitten. Der Park bekommt zusätzliche Grünflächen und gewinnt durch die deutliche Lärmreduktion an Aufenthaltsqualität.

In der Summe werden die Lebensqualität des Stadtteils deutlich verbessert und seine Rolle als attraktiver Wohnstandort in Hamburg gestärkt.

Mobilität

Mit der neuen Wilhelmsburger Reichsstraße werden der Lkw-Verkehr aus den Quartieren abgeleitet und die Erreichbarkeit des Wilhelmsburger Zentrums sichergestellt.

Bislang wurde in Wilhelmsburg der überregionale Verkehr in Nord-Süd-Richtung mit dem vorhandenen Autobahnnetz und der alten Wilhelmsburger Reichsstraße an den Wohngebieten vorbeigeführt.

Die neue Wilhelmsburger Reichsstraße wird auch künftig die regionalen und überregionalen Verkehrsverbindungen zwischen dem südlichen Umland, Harburg, Wilhelmsburg und dem Stadtkern sicherstellen – mit den Anschlussstellen HH-Kornweide und der nach Norden verlegten Anschlussstelle HH-Wilhelmsburg-Mitte. Im Jahr 2025 werden voraussichtlich 67.000 Fahrzeuge pro Tag auf der neuen Straße verkehren. Der Schwerverkehrsanteil liegt dann weiter bei etwas über zehn Prozent.

Umwelt

Verkehr ist auch in Hamburg eine der Hauptlärmquellen. In Wilhelmsburg wurde jedoch ein großer Schritt geleistet, um die Lärmbelastung im Stadtteil deutlich zu verringern. Mit dem Neubau der Wilhelmsburger Reichsstraße an der Bahntrasse entstand ein gesetzlicher Anspruch der Anlieger auf einen umfassenden Lärmschutz, der die Immissionsgrenzwerte einhält.

Der Lärmpegel entlang der neuen Strecke wird laut wissenschaftlicher Untersuchungen um bis zu 15 Dezibel dB(A) verringert. Im Bereich der Buddestraße beträgt die Lärmreduzierung bis zu 11 dB(A), im Bereich des Haulander Wegs bis zu 10 dB(A) und im Bereich der Korallusstraße bis zu 9 dB(A). Bei 3 dB(A) weniger Lärm entsteht der Eindruck, die Fahrzeuganzahl sei halbiert. Eine Lärmreduzierung um 10 dB(A) bedeutet sogar eine Halbierung des gesamten Lärmeindrucks.

Wofür steht dB(A)?

Wissenschaftler messen den Schalldruckpegel in Dezibel (dB). Da das menschliche Gehör jedoch Töne unterschiedlicher Frequenz als verschieden laut empfindet, werden die Schallsignale im Schalldruck-Messgerät so gefiltert, dass die Eigenschaften des Gehörs nachgeahmt werden. Man spricht dann von einer sogenannten A-Bewertung des Schallpegels, kurz dB(A).

Gestaltungskonzept:Den Lärmschutz ins Stadtbild integrieren

Die Lärmschutzwände entlang der Bahntrasse und der Wilhelmsburger Reichsstraße wurden möglichst einheitlich gestaltet und optisch in die Umgebung integriert.

Die neue Wilhelmsburger Reichsstraße wurde auf ihrer gesamten Länge lückenlos mit Lärmschutzwänden der neuesten Generation sowie Lärmschutzwällen ausgestattet – größtenteils begrünt und optimal in das Stadtbild integriert. Der Straßenverkehr wird von den direkten Anwohnern kaum noch wahrgenommen. Ergänzend wurden zwischen den Gleisen sowie an der Ostseite der S-Bahn-Trasse Lärmschutzwände errichtet, die den Geräuschpegel zusätzlich eindämmen. Östlich der Bahntrasse im Bereich Max-Eyth-Straße wurden transparente Lärmschutzwände errichtet, um den Blick in die Umgebung zu ermöglichen.

In einem Gestaltungskonzept wurden Vorgaben für die Gestaltung sämtlicher Lärmschutzwände entwickelt. Diese sollen u. a.:

  • möglichst zusammenhängend, einfach und unaufdringlich gestaltet sein,
  • aus dauerhaften, schmutzunempfindlichen, pflegeleichten Materialien bestehen,
  • optisch Assoziationen zu natürlichen Materialien oder Recyclingstoffen herstellen,
  • in Gestaltung und Material Bezüge zur jeweiligen Umgebung aufweisen (z. B. mit Schotter gefüllte, aufgehängte Drahtkästen zu den Bahngleisen) und
  • ab einer Höhe von 4,5 Metern mit Rankhilfen für Pflanzen oder transparenten Aufsätzen versehen werden.

Schwerpunkte:Gezielter Lärmschutz ist ein Gewinn für alle

Bei der Gestaltung der Lärmschutzwände und -wälle wurde die jeweilige Umgebung in Wilhelmsburg berücksichtigt. Die sieben Gestaltungsschwerpunkte im Überblick:

Anschlussstelle Wilhelmsburg:

Die Anschlussstelle HH-Kornweide (bisher HH-Wilhelmsburg-Süd) bildet den Beginn der Baumaßnahme. Die Straße führt in einem Trog (abgesenkte Straße) unter einer Eisenbahnbrücke hindurch. Der Trog und die Lärmschutzwände werden als Auftakt der neu gestalteten Strecke besonders prägnant gestaltet.

Lärmschutzwall am Inselpark Wilhelmsburg (igs-Gelände):

Die Lärmschutzwände auf Höhe des nördlichen Parkareals bilden zusammen mit einem begrünten Wall eine gestalterische Einheit. Der Erdwall wird im Süden und Norden in den abgerundeten Verlauf der Lärmschutzwände eingebunden.

S-Bahnhof Wilhelmsburg:

Auf Höhe des S-Bahnhofs Wilhelmsburg sollen die Lärmschutzwände das auffällige Grün der neuen Fußgängerbrücke aufgreifen. Auf Höhe des Bahnsteiges werden zudem einige Lärmschutzwände transparent gestaltet, um eine natürliche Belichtung zu gewährleisten und besonders im Zugangsbereich die Orientierung der Fahrgäste zu erleichtern.

Hermann-Keesenberg-Brücke und Umfeld:

Auf Höhe des Neubaus der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt wurde bereits eine 4,5 Meter hohe Lärmschutzwand in geschwungener Form realisiert.

Max-Eyth-Straße:

An der Max-Eyth-Straße werden die Lärmschutzwände in einem Abstand von teilweise nur rund zwei Metern an den Wohngebäuden entlangführen. An der engsten Stelle werden die Wände deshalb auf einer Länge von 25 Metern komplett transparent sein. Um Vandalismus vorzubeugen, sollen die Wände zur Wohnbebauung hin mit Moos bewachsen sein. Die Betonwände bekommen eine Perforierung aus Rillen, die die typische Grabenstruktur der Marschlandschaft mit Moosbewuchs nachempfindet.

Anschlussstelle Rotenhäuser Straße:

Auf dem Damm sind die Lärmschutzwände transparent gestaltet, sodass die Verkehrsteilnehmer von hier aus die Hamburger Stadtsilhouette sehen können. Damit die Wände als hom*ogene Fläche erscheinen, befinden sich die tragenden Konstruktionen hinter den Wänden.

Brücke Ernst-August-Kanal:

Um das von der Brücke aus sichtbare Stadt-Panorama – Wilhelmsburg, Hafen und Innenstadt – erlebbar zu machen, sollen entlang der Brücke transparente, leicht geneigte Lärmschutzwände verwendet werden.

Trassenverlauf

Der Hintergrund

Mit der Verlegung der Wilhelmsburger Reichsstraße an die Bahn wurde der Verkehr auf einer Trasse gebündelt. Zwischen Wilhelmsburg-Süd und Georgswerder entstanden so mehr als vier Kilometer neue Fahrstrecke. Breitere, den gesetzlichen Vorschriften entsprechende Fahrstreifen und ein Standstreifen bieten den Autofahrern mehr Sicherheit und Komfort.

Der Streckenverlauf

Im Planfeststellungsbeschluss vom 26. Juni 2013 wurde festgelegt, dass ein 4,6 Kilometer langes Teilstück der Wilhelmsburger Reichsstraße (B 4/75) an die westliche Seite der Bahnschienen verlegt wird. Ab der Anschlussstelle HH-Kornweide (bisher: HH-Wilhelmsburg-Süd) verläuft die Trasse – abweichend von ihrer ursprünglichen Lage nach Osten und anschließend parallel zu den Schienen für den Güter-, Fern- und Nahverkehr nach Norden. Auf der Höhe des Ernst-August-Kanals wird der ursprüngliche Verlauf in Richtung Hamburg-Zentrum wieder aufgenommen. Das Zentrum von Wilhelmsburg wurde über eine neue Anschlussstelle („Wilhelmsburg-Mitte“) an der Rotenhäuser Straße angebunden. Da hier keine ausgedehnten Auf- und Abfahrten möglich sind, wurde die Anschlussstelle mit sogenannten „Holländischen Rampen“ versehen: Sie verlaufen nicht in großen Bögen, sondern nahezu parallel zur Bundesstraße.

Die Bauwerke an der Strecke

Durch die Zusammenlegung der Bahntrasse und der neuen B 75 können die bereits vorhandenen Brücken Brackstraße, die Neuenfelder Straße und die Thielenstraße von beiden Verkehrsadern mitgenutzt und unterfahren werden. Lediglich der Ernst-August-Kanal im Norden erhielt eine neue Brücke, der Trog unter der Kornweide und der Güterbahn in den Hafen und die Überführung der Anschlussstelle Wilhelmsburg-Mitte wurden neu gebaut.

Die neuen Lärmschutzwände fügen sich gestalterisch in die Umgebung ein. Östlich der Bahntrasse im Bereich Max-Eyth-Straße entstanden beispielsweise transparente Lärmschutzwände, um den Blick in die Umgebung zu ermöglichen.

Befliegung der Wilhelmsburger Reichsstraße

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Brücken

Brücke Kornweide

An der Kreuzung Wilhelmsburger Reichsstraße/Kornweide wurden eine neue Brücke sowie die Anschlussstelle HH-Wilhelmsburg-Süd gebaut. Auch die Zu- und Abfahrten wurden erneuert.

Die Brücke Kornweide wurde mit zwei nahegelegenen Bahnüberführungen optisch zusammengelegt. Auf Mittelstützen konnte konstruktionsbedingt verzichtet werden, die die Sichtverhältnisse der Autofahrer unter der Brücke sonst eingeschränkt hätten.

Technische Daten
Länge: 37 Meter
Breite: 17 Meter
Material: Stahlverbundbauweise

Brücke Ernst-August-Kanal

Die Brücke führt im Bogen über den Ernst-August-Kanal, die Straße Vogelhüttendeich – südlich des Kanals – sowie über einen Anliegerweg. Der Abstand zwischen den Brückenpfeilern beträgt etwa 61 Meter an der Ostseite und rund 63 Meter an der Westseite.

Technische Daten
Länge: ca. 61 Meter (Ostseite) bzw. ca. 63 Meter (Westseite)
Breite: ca. 28 Meter
Material: Stahlverbundbauweise

Beide Brücken sind Zubringer zum Hamburger Hafen und zur Hamburger Innenstadt. Sie wurden für den erwarteten Güter- und Logistikverkehr technisch ausgestattet.

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